Die Musik und ich

Die Musik begleitet mich schon seit frühester Kindheit. In meiner Familie wurde gesungen und musiziert. Motiviert und gefördert von meinen Eltern durften meine Geschwister und ich Instrumente lernen und Unterricht nehmen. Wir hatten ein Familienblockflötenquartett, mit dem wir sogar in die höheren Sphären der Kunst der Fuge eindrangen (natürlich auf recht laienhaften Niveau  :-)).

 

Die Begegnung mit der Musik von J.S.Bach war ein erster Wegweiser für meinen späteren Lebensweg. Die Tiefe der bach´schen Musik und ihre wunderbare musikalisch- mathematische Logik erreichten mich in meiner  Seele. Dass etwas Konstruiertes so wunderbar klingen konnte!

 

Früher weigerte ich mich zu singen, lieber flötete ich und spielte Violine. Das änderte sich erst, als ich mit 14 in eine Jugendgruppe eintrat. Dort entdeckte ich ein Mädchen, das zur Gitarre Lieder von Alexandra sang. Sie beeindruckte mich damit sehr. Wieder daheim schnappte ich die alte Klampfe meines Opas und brachte mir selbst Gitarre bei. Nach 4 Monaten sang auch ich zur Gitarre Zigeunerjunge.

 

Daraus entwickelte sich ein neues Leben, neue Aufgaben und viele neue Kontakte für mich pubertierenden Teenager: ich  wurde "Vorsängerin" mit der Gitarre im Jugendgottesdienst,  war als musikalische Animateurin in Gruppen und auf Partys gefragt. Ich schmiss das Geigen hin und fing mit Querflöte an. Mit dieser  spielte ich in einer christlichen Combo.

Eine Freundin nahm mich in den ersten Chor mit, ab der 11. Klasse waren es schließlich drei Chöre gleichzeitig. In jeder freien Minute sang ich, ja, ich nahm sogar die Gitarre mit zur Schule, um in den Freistunden und Pausen singen zu können.

 

Meine Chorclique und ich klapperten alle klassischen Konzerte ab, die in unserer Region gegeben wurden. Unser "Sport" war es, ohne Eintritt zu bezahlen ins Konzert zu kommen. Jedes Wochenende waren wir in dieser Mission unterwegs.

 

Einmal hörte ich bei einem dieser Ausflüge erstmals die Matthäuspassion. Wieder war es eine Begegnung mit J.S.Bach: die Alt-Arie "Erbarme dich um meiner Zähren willen" mit dem Violinsolo ging mir durch Mark und Bein. Diese Berührung gab den Anstoß, mich für ein Gesangstudium zu interessieren.

 

Musik, die große Liebe in meiner Jugend, wurde nun zu meinem Beruf.  Trotz aller Belastungen und Zwänge, die so einer Beziehung widerfahren, wenn sie den Lebensunterhalt sichern muss, trotz aller Routine, die sich zwangsläufig einstellt, wenn sich Arbeit immer wiederholt.

 

Trotz der beständigen, musikalischen Unterforderung als professionelle Musikerin während meiner "Basisarbeit" mit vielen Laien, ist die Musik (vorallem und gerade in dieser Arbeit als Gesangslehrerin und Chorleitende) der Faktor in meinem Leben, der regelmäßig für Gänsehaut sorgt:

 

...wenn sich die Stimme einer Schülerin zum ersten Mal befreit und ich den Ton höre, frei schwingend und authentisch, den ich mir bis zu diesem Zeitpunkt nur vorgestellt und denn ich in endlosem, unermüdlichem Bemühen gemeinsam mit der Schülerin gesucht habe. Deswegen liebe ich gerade die Arbeit als Gesangslehrerin - auch nach 30 Jahren.

 

...wenn die vielen Menschen in meinem Chor plötzlich begreifen, was ich meine, auf einmal ganz unerwartet präsent sind, es hin kriegen und zusammen MUSIK machen, dann kommt die Gänsehaut und es berührt mich, wie nichts sonst mich berühren kann.

 

...oder heute: bevor ich mich an diesen Text gesetzt habe, hörte ich im Radio eine umwerfende Interpretation vom "Erlkönig" von Gerald Finley, bei der sich bis aufs letzte Haar alles aufstellte...

Nichts sonst trifft mich so tief und erreicht mich, immer wieder.

 

Die Musik ist beruhigend, ausgleichend, tröstend. Sie ist aufregend, belebend. Sie macht, dass du dich spürst. Beim Hören bestimmter Musik wirst du plötzlich um 20 Jahre oder mehr zurückversetzt. Du erinnerst dich und fühlst dich, wie du mit 17 fühltest, als du dieses Stück zum letzten Mal hörtest. Dadurch kannst du noch einmal in dich als 17jährigen Menschen reinschlüpfen wie in einer Zeitmaschine.

 

Die sogenannte populäre Musik erfüllt mich auf ganz andere Art  als die klassische Musik.  Während ich die Klassik, die ich höre (ich bevorzuge eher melancholische, dramatische Musik), als ungeheuer intensiv, teilweise fast schmerzend und in jedem Fall sehr tief empfinde, kommt bei Pop und Jazz reine Freude auf. Freude, Schwung, Leichtigkeit in hoher Dosis. Das Arbeiten mit Jazz und POP macht mich ganz besonders glücklich, daher habe ich mich schließlich darauf konzentriert.

Schon in ganz jungen Jahren faszinierte mich Swing. Die Platte meiner Eltern mit Caterina Valente hörte ich rauf und runter. Bis heute ist Swing einer meiner absoluten Lieblinge. Swing macht froh und leicht und Spaß!

 

Wer vor dem Chor steht kann sehr deutlich erkennen, was mit einem Chor geschieht, wenn er den Swing versteht. Nirgendwo haben Menschen in meinen Chören mehr gestrahlt, als beim Swing -  s(w)ingen.

 

Ich bin jeden Tag stundenlang mit Musik beschäftigt, meistens damit, Menschen zu helfen, selbst zu musizieren, was ich von Anfang an bis heute sehr gerne tue. Bei aller Wiederholung, die meine Arbeit auch bestimmt, kann mich die Musik jedoch jederzeit und plötzlich in einen tiefen emotionalen, ekstatischen Zustand katapultieren.

Es wird nie langweilig in diesem Beruf und es ist ein unendliches Wachsen.

 

Keine Ahnung, wo ich ohne Musik wäre. Ich kann´s mir nicht vorstellen. Es wäre ein armes Leben.

 

Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich diesen Weg gefunden habe.