Einblicke in mein Verständnis von Gesangs-/Stimmausbildung


Willkommen in meinem Blog!

 

Hier kannst du nachvollziehen, wie ich die Stimme und meine Arbeit an ihr erlebe, was mich als Stimm"bauerin" bewegt, wie ich vorgehe und wohin ich strebe.

 

Dieser Blog lebt, wächst und wird ständig erweitert.

Die Artikel sind nicht systematisch strukturiert. Ich schreibe über das, was mich gerade beschäftigt. 

 

Kommentare sind möglich und sehr willkommen!

 

Ach ja: ohne Gewähr für wissenschaftlich korrekte Darstellungen von Anatomie und Techniken in diesem Blog. Aber 30 Jahre Erfahrung und liebevolles, empirisches Probieren und Forschen meinerseits kann ich garantieren.


Talent?

Keine Frage: wer Talent hat, kann sich freuen! Mit Talent stehen die Türen weiter offen als ohne, so scheint es. "Dir hat der liebe Gott in die Kehle geschissen", sagte man einst. Ich persönlich habe mir als junge Frau ganz schön etwas auf mein "Talent" eingebildet. Das ist mir heute ein wenig peinlich.

 

Beim Erstkontakt mit Menschen, die mich zu einer Probestunde besuchen, werden mir oft folgende Fragen gestellt:

Wie gut muss meine Stimme sein, damit sie es "wert" ist, ausgebildet zu werden?

Habe ich eine gute Stimme?

Reicht mein Talent für ein Gesangsstudium?

 

Meine Antwort darauf ist möglicherweise überraschend:

 

Nach über 30jähriger Erfahrung in meiner  Gesangsunterrichtstätigkeit und nicht zuletzt durch meinen eigenen sängerischen Werdegang, habe ich gelernt, dass andere Fähigkeiten zur erfolgreichen Ausbildung einer Stimme viel wesentlicher sind als das Talent:

 

- der Wille und die Lust, sich mit den eigenen Grenzen zu beschäftigen

- Fleiß und die Bereitschaft zur ewigen Wiederholung

- die Fähigkeit, mit dem Körper zu arbeiten und Technik umzusetzen

- Hartnäckigkeit (weitermachen), d.h. Krisen und Stillstände aushalten

 

Hier im Norden sagt man: "Aufstehen, Krone richten, weitermachen".

 

Weitermachen, das ist nach meiner Erfahrung das Wichtigste, wenn man singen lernen will. 

Ich will das! Egal wie es gerade läuft, wie ich mich fühle, welche Gedanken ich habe, was die Lehrerin dazu sagt. Ich will es einfach - ich glaube an mich und mache weiter.

 

Ich persönlich habe erfahren, dass Talent maximal 10-20 % von allem ausmacht, was letztendlich zum Erfolg führt. Auf das Talent selbst kann man sich nichts einbilden, aber darauf, dass man es entwickelt und zur Reife gebracht hat. 

Weil ich etwas aus dem gemacht habe, was mir geschenkt wurde!

 


Instrument  Vokaltrakt


Die Arbeit mit dem Vokaltrakt bestimmt den größten Teil meiner Unterrichtstätigkeit wegen seiner maßgeblichen Bedeutung für die Stimmproduktion - sowohl im Einzelunterricht als auch  in den Chören. 


Entgegen der Annahme der meisten von mir Befragten, "da irgendwo" im Brust-/Bauchbereich sei der Resonanzraum unserer Stimme, sind jene Bereiche doch nur passive "Mitschwinger" bzw. haben eine andere Funktion.

 

Unser  Resonanzraum, der die Töne erst richtig hörbar macht, heißt Vokaltrakt (klassisch: "Ansatzrohr") und besteht aus:

Kehle, Mund- und Nasenrachenraum, Kieferhöhlen und  last but not least den kleinen Höhlen über dem großen Nasenrachenraum.

Natürlich gehören ebenfalls Zunge, Gaumen, Gaumensegel, Zähne, Kinn und die Lippen dazu. Sie sind unsere Artikulationswerkzeuge.

 

Also kann man sagen: unser Resonanzraum ist Alles, was sich oberhalb des Kehlkopfes befindet.

 

Wie der Name Vokaltrakt schon nahelegt, ist das der Raum, in dem die Vokale gebildet werden. Aber er ist noch unendlich viel mehr!


Die folgenden Artikel beschäftigen sich mit verschiedenen Aspekten rund um´s Thema Vokaltrakt.

Stimmfarbe/Timbre

Die Stimme eines Menschen ist einzigartig! Unverwechselbar und einmalig auf der Welt. Wieso ist das so? Weil die Stimmbänder so unterschiedlich sind?

Natürlich trägt auch die Beschaffenheit der Stimmbänder einen Anteil am individuellen Klang. Ich glaube jedoch, dass die Bedeutung dessen recht gering ist. 10x wichtiger erscheint mir die Beschaffenheit des Vokaltrakts und dessen Benutzung.

 

Jeder Mensch hat in der Regel Augen, Lippen, Nase, Wangenknochen, Stirn, Ohren, Kinn und Kiefer, Haare. Trotzdem sieht das bei jedem Menschen ganz eigen aus. Die einzelnen Kopfbestandteile und ihr Zusammenwirken ergeben ein einzigartiges Gesamtbild, aufgrund dessen wir uns gegenseitig auseinanderhalten und erkennen können. Jeden gibt es optisch nur einmal (Ausnahmen wie Doppelgänger und eineiige Zwillinge ausgenommen, auch hier gibt es Unterschiede, nur feinere).

 

Im Kopf - im Vokaltrakt verhält es sich ebenso:

in der Regel haben alle Menschen Zunge, Lippen, Zähne, Gaumen, Gaumensegel, Nase - und Rachenraum, Kieferhöhlen, Nasenneben - und Stirnhöhlen, Mundhöhle und den tiefen Zungengrund (Kehle). So wie wir  aber außen unterschiedlich aussehen, ist es innen ebenso. Auch innen ergeben die einzelnen Bestandteile des Vokaltrakts ein unverwechselbares Bild - und damit einen ganz individuellen Innenraum. 

Da Raum den Klang bestimmt, wird unser Stimmklang durch die Beschaffenheit unseres Vokaltrakts erzeugt und damit unsere  Stimmfarbe, das ureigene Timbre.

 

 


Einstellungen des Gaumensegels und des hinteren Rachens in verschiedenen Gesangsstilen:

Rechte Hand = Kehlgrund            Linke Hand = Gaumensegel


Beim Popgesang: Gaumensegel und Rachenwände sind leicht gespannt, durch den höher stehenden Kehlkopf ist hinten  weniger Raum. Insgesamt ist der Innenraum viel flacher, besonders hinten. Trotz einer relativen Enge hat der Ton genug Platz ("Briefkastenschlitz-Singen").

Ganz anders hingegen ist die Einstellung beim klassischen Gesang: tief stehender Kehlkopf, die Rachenwand weitet sich hinten in alle Richtungen und wird vor allem weich und locker! "Die Wand weicht vor dem Ton zurück". Es hebt sich das Gaumensegel. Der Ton hat viel mehr Platz und "wabert" wie Nebel im Nasenrachenraum.


Tonansatz

Der Tonansatz ist "the very first beginning" eines Tons, einer Melodie. Also der allererste Moment des 1. Tons. Die Qualität des Tonansatzes ist entscheidend und bestimmt das, was danach kommt. Fange ich schlecht an, ist der Fehler in der folgenden Gesangsphrase nur begrenzt zu korrigieren. Fange ich optimal an, wird alles Folgende davon profitieren.

Die Qualität eines Tonansatzes wird bestimmt durch die Stimmbandschwingung und die Intonation. Beides bedingt sich gegenseitig (wie so vieles beim Singen). 


Übung für einen guten Tonansatz

Die meisten peilen einen hohen Ton an, indem sie ihn tiefer ansetzen (;-)) ....und dann blitzschnell auf die geforderte Höhe "hochschmieren". Dies führt dazu, dass der Ton zu viel Schwere und Druck bekommt und schon mal etwas zu tief beginnt ("tiefster Tonanteil", siehe Darstellung in rot). Hier kannst du ansetzen.

 

Eine bestimmt Tonhöhe ist nicht wie ein Strich:     TonhöheTonhöheTonhöheTonhöhe

Ein Ton hat tiefe und hohe Anteile,

eher wie eine Kugel:                                                                                                                       

                      "top of the pitch"

                                  hellerhellerhellerlellerleller

                     überMitteüberMitteüberMitteüberMitte

             TonhöheTonhöheTonhöheTonhöheTonhöheTonhöhe

                      untendrunteruntendrunteruntendrunter

                           noch dunklerdunklerdunklerdunkler

                                          Tiefster Tonanteil 

                                                                        

Generelles Vorgehen:

Beginne mit einem leisen Ton in deiner Mittellage und glissandiere leise (gleite) eine Quinte  (5 Töne) herunter. Während des Gleitens wird der Ton noch leiser (decrescendo). Gute Laute dafür sind M,N,S oder W. Sie müssen sehr weit vorne gebildet werden, am besten "vor dem Mund". Während des glissandos drohen sie  nach hinten in die Kehle zu rutschen, dem muss vorgebeugt und der Konsonant vorne gehalten werden.

 

Du singst also:   5gliss1,  5+gliss1+,  6gliss2,  6+gliss2+,  usw. , das heißt, so arbeitest du dich halbtonweise in deine Höhe vor.

 

Wahrscheinlich wirst du (weil das Allen passiert) den Tonansatz zu tief ansetzen und ihn hochstemmen. Dies muss unbedingt verhindert werden!

Der springende Punkt meiner Übung kommt jetzt:

Strebe den "Top of the Pitch" an!

Setze jeden hohen Ton einen Halbton höher an als geplant und rutsche sachte (und fast unhörbar von dem hohen Ton) auf den offiziellen Anfangston.

Also so:

(5+)5gliss1,  (6)5+gliss1+,  (6+)6gliss2,  (7)6+gliss2+, usw.

In Noten ausgedrückt:

(G#)GglissC, (A)G#glissC#, (A#)AglissD, usw.

 

So sinkst du sachte von oben AUF den angepeilten Ton und nimmst ihn von oben (nicht von unten).  Damit hast du nicht nur eine astreine Intonation sondern auch eine feine (Stimmband-) Schwingung erreicht.

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Wer das nicht hinbekommt, sollte mal zu einer Stunde vorbeikommen.

Gesangsübungen sind schwer im Text zu vermitteln. Für dich hab ich´s aber versucht, Manuel ;-))


Kommentare: 1
  • #1

    Manuel (Montag, 14 Mai 2018 10:33)

    Hallo Barbara!

    Jetzt muss ich ja mal was schreiben.. schön, dass es den Blog gibt - ich als dein Gesangsschüler würde mir jedoch wünschen hier evtl. Dinge zu erfahren, die du mir noch nicht erzählt hast - ergänzende Informationen zu vergangenen Unterrichtsstunden vlt? Z.B. zum Thema Tonansätze und wie man's üben kann (um mal direkt was konkretes zu nennen).

    Liebe Grüße!